Herr Nachtsheim, was ist denn da los? Im Internet kursiert ein sehr oft angeklicktes Video, in dem Sie die "IgkWiS" gründen, also die "Initiative gegen kickende Weiber im Stadion" der Frankfurter Eintracht.
Henni: Na gut, das ist ja mein zweites Ego "Matthes", der die gegründet hat. Hintergrund ist, dass die Stadt Frankfurt mich gefragt hat, ob ich etwas zur Frauen-WM machen könnte. Ich habe mich dann mal in meinem Freundeskreis spionage-mäßig umgehört und festgestellt, dass in Sachen Frauenfußball selbst bei meinen sehr liberalen Freunden noch viel mehr Vorbehalte sind, als ich gedacht habe. Da dachte ich, das ist immer noch in den Köpfen drin, das ist immer noch ein Thema. Und es ging ja auch darum, die Spots ein bisschen lustig und provokant zu gestalten.
In dem Spot spielen Sie mit typischen Vorurteilen gegenüber Frauenfußball. Glauben Sie, dass die sich abbauen lassen?
Henni: Ich denke, dass ist schon besser geworden. Die Frauen haben ja auch wirklich tolle Erfolge eingefahren. Wenn man sich dem nicht komplett verschließt, sieht man, dass zum Beispiel die Spiele auf internationalem Niveau ganz schön schnell geworden sind. Das ist richtiger Power-fußball. Und ich kenne auch eine Menge Männer, die sich jetzt auf die WM freuen.
Immerhin ist die WM nach dem Abstieg der Eintracht die einzige Chance, noch erstklassigen Fußball in Frankfurt zu sehen, oder?
Henni: Diesen Finger in meine Wunde hätten Sie jetzt nicht unbedingt legen müssen!
Frauenfußball ist wie Handkäs’ mit Schokoladen-soße, findet Ihr "Matthes", ein beinharter Eintracht-
Fan. Das passt für ihn nicht zusammen – bis ihn Eintracht-Legende Charly Körbel als Botschafter der Frauen-WM vom Gegenteil überzeugt. Hat es bei Ihnen auch Überzeugungsarbeit gebraucht?
Henni: Ich wurde mit Frauenfußball konfrontiert, als ich vor vielen Jahren am Bornheimer Hang in einer Promi-Mannschaft gegen den 1. FFC Frankfurt spielen musste. Die haben uns relativ locker auseinander-
genommen, obwohl bei uns viele waren, die wie ich selbst lange Fußball gespielt haben. Ein bisschen Kicken, Schnicken und eine große Fresse haben da aber nicht gereicht, das musste ich am eigenen Leib erfahren. Und das hat sich seitdem ja noch sehr viel mehr weiter entwickelt. Die Spiele sind dynamischer, der Fußball ist technisch besser geworden. Da bin ich eines Besseren belehrt worden.
Wie würden Sie die Unterschiede zwischen Frauen- und Männerfußball beschreiben?
Henni: Insgesamt ist das Männerspiel immer noch schneller, auch eine Spur brutaler. Die Bereitschaft, jemanden ins Krankenhaus zu treten, ist höher. Was Geschwindigkeit und Härte angeht, gibt es schon noch Unterschiede.
Andere Sportarten werden schon ewig von Männern und Frauen betrieben. Dass Steffi Grafs Aufschlag langsamer war als der von Boris Becker, hat nie jemanden größer gestört. Warum ist das mit der Geschlechterfrage beim Fußball so eine schwere Geburt?
Henni: Das ist ja vielleicht auch nur so lange eine schwere Geburt, bis man sich mal richtig drauf einlässt. Wenn ich Steffi Graf beim Aufschlag gesehen habe, dann habe ich nicht im Geiste Boris Becker daneben gesehen. Man hat das so akzeptiert, wie es war. Und so ist das im Fußball jetzt auch. Diese Popp zum Beispiel, die ist eine tolle Stürmerin. Ich würde einfach sagen: Wir vergessen, was wir in den letzten Monaten von den Männern gesehen haben. Das ist aus Frankfurter Sicht sowieso ganz gut. Und dann schauen wir den Frauen zu. Es ist vielleicht nicht ganz so schnell, aber es ist auch ein Fußballspiel zwischen zwei Mannschaften, die das richtig gut können. Auch da fallen Tore. Ich hab neulich in einem Vorbereitungs-spiel ein Tor gesehen, das perfekt herausgespielt war. Ich nehme meine Männer-Fußball-Brille ab. Und es kann ja jeder selbst entscheiden, ob er gucken will oder nicht. Es ist im Moment schon eine intensive Bewerbung, aber das ist doch alles harmlos. So etwas gibt es auch nicht so oft, und das kann man einfach auch ein bisschen feiern. Lieber eine fröhliche Frauenfußball-WM als ein schlechtgelauntes Rocker-Treffen am Main.
Sie haben sich einmal zu recht sehr über unsere Zeitung geärgert. Damals wurden Sie falsch zitiert, sinngemäß mit den Worten: "Frauenfußball sehe ich deshalb so gerne, weil die Brüste so schön wackeln …"
Henni: Das habe ich zum Glück dementieren dürfen. Es ist mir bis heute ein Rätsel, wie mir der Satz in den Mund gelegt worden ist. Das ist genauso, als würde ich sagen: "Schön, dass wir einen neuen Neger auf der Außenbahn bei der Eintracht haben." Genau über diese chauvinis-tischen und rassistischen Typen machen wir uns ja lustig, die nehmen wir schon immer gerne aufs Korn. Abgesehen davon finde ich, dass beim Frauenfußball der unwichtigste Aspekt der erotische ist.
Halbnackte Jung-Nationalspielerinnen in "Bild" und "Playboy", Witze über Trikottausch und Mann-deckerinnen – erleben wir zur WM auch noch einmal ein Comeback des Macho-Blicks auf den Frauenfußball?
Henni: Wir erleben vor allem ein Comeback des einfallslosen Billig-Humors. Das sind Mottenkisten-
Witze, wen willst du denn damit überhaupt noch zum Schmunzeln bringen? Natürlich, je größer der Fokus auf die WM ist, desto mehr kommen auch die Idioten zu Wort. Bei einer Männer-WM weiß ja auch jeder über alles Bescheid, und man hört in den Kneipen weiß Gott nicht nur Schlauheiten. Das läuft am Rande mit, aber das muss man ausblenden. Das sind ganz dumme Kiosk-Witze nach dem sechsten Pils.
Die Werbeslogans rund um die deutschen Frauen wiederum sind ja ziemlich selbstbewusst: "Dritte Plätze sind was für Männer" oder "Jungs, wir rächen aus" heißt es da.
Henni: Ich glaube, dass das augenzwinkernd und sehr humorvoll ist. Auch diese Spots, wo die Männer versuchen, die Trikots überzuziehen. Die sind zu eng, und dann kommen die Frauen und sagen, das sind diesmal unsere. Der DFB ist interessiert, dass die Frauen von den Männern profitieren und umgekehrt und dass man mit einem guten Gefühl in die WM geht. Das ist frech, eine Mischung aus augenzwinkerndem Humor und schon auch gesundem Selbstbewusstsein. Und das ist in Ordnung.
Der WM-Slogan lautet "20elf von seiner schönsten Seite".
Henni: Der gefällt mir schon mal nicht, ich finde den billig. Spielerisch ist Fußball von seiner schönsten Seite leider nun der FC Barcelona und danach kommt auch erst mal länger nichts, wie wir gesehen haben.
Inzwischen wird immer mehr mit dem Äußeren der Spielerinnen geworben. Ist das gut, weil es das Bild von den "Mannsweibern" korrigiert? Oder lenkt es den Blick vom Wesentlichen ab? Entscheidend ist schließlich immer noch auf dem Platz.
Henni: Ich finde, die haben es gar nicht nötig, darauf hinzuweisen. Klar, da sind wahnsinnig hübsche Frauen dabei, das registriert man am Rande. Aber das ist so ein komisches Fischen in die falsche Richtung. Für mich ist es sportlich wertvoll, was die da machen, und sie werden bestimmt ein gutes Turnier spielen. Wenn du jetzt noch irgendwelche Männer vor die Fernsehgeräte locken willst, was soll das werden? Lockt man die hin, damit die dann erkennen, wie gut das ist? Oder geilen die sich mal kurz daran auf und schalten dann wieder aus? Man hätte daran gar nicht appellieren müssen. Ich finde, dass wir einen Schritt weiter sind und der Frauenfußball schon eine ganz gute Popularität hat. Der Slogan ist ein bisschen hintendran, den brauchen wir schon gar nicht mehr.
Die Aufregung rund um das Turnier steigt jeden-
falls, der Vorverkauf läuft sehr gut, die Tests der deutschen Nationalmannschaft verliefen bestens, selbst das Wetter soll mitspielen. Immer wieder ist in Anspielung auf die Männer-WM 2006 von einem neuen Sommermärchen die Rede.
Henni: Das ist ja auch so was. Ich habe mit diesen Begriffen und Klischee-Dingern wie "Sommer-
märchen" oder "Meister der Herzen" echt meine Schwierigkeiten. Ich hoffe einfach, dass es ein geiles Turnier wird, dass die Erwartungen erfüllt werden, die jetzt alle haben, und dass es eine tolle WM wird mit tollen, möglichst spannenden Spielen. Es gibt ja ein paar Mannschaften auf Augenhöhe, da bin ich gespannt, wer am Ende dann im Finale steht. In Frankfurt haben wir ein tolles Stadion mit toller Atmosphäre. Ich freue mich darauf, eine Ausnahme-
fußballerin wie Marta noch einmal zu erleben und solche Sachen. Aber Begriffe wie "Sommermärchen" oder Trikottausch-Witze kann ich im Zusammenhang mit Frauenfußball und dieser WM echt schlecht vertragen.
Glauben Sie, dass die WM auch längerfristige Auswirkungen auf den Frauenfußball in Deutschland hat?
Henni: Mein Gefühl sagt mir, die Leute feiern jetzt das Event. Ganz viele gehen auch dahin, weil es ein Event ist und sie wissen, das Wetter wird gut und sie können Party machen. Ich glaube nicht, dass sich danach viel ändert und dass der 1. FFC Frank-
furt auf einmal 10.000 Zuschauer hat.
Wie werden Sie die WM verfolgen?
Henni: Einen Teil der WM bin ich im Urlaub und habe mich schon erkundigt, dass ich dort alle nötigen Fernsehprogramme habe. Aber nach der relativ langen Badesalz-Saison hat das jetzt erstmal Vorrang. Ich habe meinen Urlaub nicht der Frauen-WM angepasst, aber das habe ich bei einer Männer-WM auch nie gemacht. Mein Urlaub ist mir trotz aller Fußball-Begeisterung heiliger.
Und was macht Ihr Alter Ego "Matthes"?
Henni: Er ist von Charly Körbel persönlich eingeladen worden, mit ihm ins Stadion zu kommen. Er will es natürlich nicht gucken, aber er geht dann trotzdem mal hin. Obwohl es bestimmt kein guter Zeitpunkt ist, dort Unterschriften für seine Initiative zu sammeln. Opportun wie er ist, wird er seine Klappe halten. Ihm wird auch gar nichts anderes übrigbleiben.
fnp.de - Markus Katzenbach - 25.06.2011 |