Urlaub vom hessischen Humor: Comedy-Pionier Henni Nachtsheim über sein erstes Soloalbum, peinliche Liebeslieder und neue Badesalz-Projekte

Gestern ist Ihr erstes Soloalbum "Es wird Zeiten geben" erschienen. Auch Ihr Badesalz-Kollege Gerd Knebel ist solo unterwegs. Gehen Sie jetzt getrennte Wege?

Henni: Auf keinen Fall. Trotz aller Nebenprojekte bleibt Badesalz die Hauptsache. Im Moment haben wir nur Urlaub voneinander genommen, das muss nach 23 Jahren auch mal sein. Und ich genieße es sehr, wieder richtig Musik zu machen: die Proben, das Singen im Studio, herrlich.

Für Album und Tour arbeiten Sie eng mit einem anderen alten Bekannten zusammen: Ali Neander, mit dem Sie 12 Jahre bei den Rodgau Monotones Hessenrock gespielt haben.

Henni: Ali war für mich der wichtigste Mann über-
haupt beim Erstellen der Songs: Ich spiele weder Klavier noch Gitarre, also habe ich meine Melodien auf ein Diktiergerät gesungen und er hat diese schrecklich klingenden Kassetten zu echter Musik gemacht.

Was herauskam, ist lockerer Deutschpop. Hatten Sie das vorher so im Ohr?

Henni: Absolut. Ich wollte weiche Keyboards im Hintergrund, so richtig strahlende Refrains, am besten mit vierstimmigem Gesang. Ich hatte vorher sehr konkrete Vorstellungen von den Stücken.

Insgesamt klingt es nach einem Bruch mit alten Zeiten: Introvertierter als Badesalz, seichter als Rodgau Monotones. Erleben wir hier den wahren, privaten Henni?

Henni: Es ist einfach eine mögliche Farbe an mir. Ich bin ja schon immer Musiker, auch bei Badesalz war Musik immer wichtig. Aber schon bei den Rodgaus hatte ich manchmal andere Vorstellungen, wie meine Songs klingen würden. Ich wollte immer mal für ein Album komplett allein verantwortlich sein: Texte, Gesang, Arrangements.

Warum haben Sie es nicht auch mit Texten versucht, die nicht humoristisch sind?

Henni: Ich kann nur umsetzen, was mir in den Kopf schießt. Ob das am Ende wieder lustig ist, überlege ich mir nicht. Bestimmt bin ich nicht derjenige, der eine Liebesschnulze nach der anderen schreibt.

Würde man Ihnen eine unironische Liebesballade überhaupt abnehmen?

Henni: Das könnte ein Problem werden. Allerdings ist die Single "Alles durcheinander" auch ein Liebesstück, nur eben humorvoll, mit vielen Wortspielen. Eine nicht so witzig geschriebene Ballade habe ich tatsächlich wieder vom Album genommen: Die Leute, denen ich das vorspielte, kämpften eher mit Lachtränen, so schwülstig kam ihnen der Song zwischen all den witzigen Texten vor.

Trotzdem ist die Platte alles andere als ein Comedyprogramm. Zur Tour werden viele Badesalz-
Fans kommen. Die werden enttäuscht sein, wenn der Humor nicht im Vordergrund steht.

Henni: Es geht mir ja selbst bei Rockkonzerten so: Nichts ist langweiliger, als Ansagen wie "Das nächste Stück hat der Bassist geschrieben, es heißt soundso". Ich werde den Leuten eher Stand-Up-mäßig die Geschichten zu den Stücken erzählen.

Zum Beispiel?

Henni: Für viele Songs gab es echte Vorlagen. In "Ehrliche Haut" mordet ein "Heinz" immer zu James-Last-Musik. Den echten Heinz habe ich im "Treffpunkt" in Neu-Isenburg getroffen, wo ich aufgewachsen bin. Der saß immer an der Theke, hat nichts als Underberg getrunken und es hieß, der hat mal jemanden umgebracht. Weil ich mich für einen supersozialen Typen hielt, habe ich ihn angesprochen: "Hey Heinz, schon verrückt diese Gerüchte. Stimmt es eigentlich, dass du jemanden, naja, umgebracht hast?" Da dreht er sich um und sagt mit tiefer Stimme: "Dauerd net lang, da is der Nächste dran." Das hat mich wohl nachhaltig beeindruckt.

Bei aller Heimatverbundenheit soll das Album kein Mundart-Pop sein. Das Video zur Single spielt in Berlin, Ihr Label erklärt, "der Hesse sollte auf dem Album keine Rolle spielen". Warum?

Henni: Der Hesse sollte nur nicht die einzige Rolle spielen. Ich möchte nicht, dass jemand denkt, es sei BAP auf Hessisch oder ein hessisches Comedyrock-
album, das außerhalb Hessens keinen interessiert. Ich singe hochdeutsch und will, dass die Songs überall funktionieren.

Aber wenn's richtig witzig sein soll...

Henni: ...da kann isch net anners, dann werd's Hessisch. Zwar hoffe ich, dass auch in den hoch-
deutschen Texten Witz ist, aber: Ab und zu muss ich das auch austoben.

Etwa in "Hey Moses Hey", wo sich ein grotten-
schlechter Rapper bei Moses Pelham bewirbt.

Henni: Ich mag Moses sehr und schätze, was er aufgebaut hat. Als mir sein Labelkollege Illmatic erzählt hat, wer so alles bei "3P" Rapper werden will, fielen mir Parallelen zur Comedyszene auf. Wir werden auch oft von Langweilern angesprochen: "Hiar, isch bin dodal lustisch, schwürd gern aach emahl so was mache wie du." Wenn wir dann Nachwuchsbühnen empfehlen, heißt es: "Nee, Fernseh wäh bessäh." Das war die Basis für den Song.

Moses P. hat sogar einen Gastauftritt.

Henni: Eigentlich sollte er dem Typen am Ende sagen: "Alter, du kannst gleich bei uns anfangen, bring schon mal die Mülltonne runter." - Der: "Ach soll isch'se annzünne?" Moses: "Nee, nur ausleeren." Aber das wollte Moses nicht sagen, da käme er "als Arschloch rüber". Ich hab zwar gesagt, Mensch Moses, daran arbeitest du doch seit zehn Jahren! Aber wir haben dann trotzdem eine nettere Fassung aufgenommen.

Das Video zur Single sieht teuer und modern aus, erinnert mich aber musikalisch - vielleicht auch wegen Ihrer Optik mit Nickelbrille und Stoppelbart - ein wenig an Klaus Lage und Heinz-Rudolf Kunze. Wer ist Ihre Zielgruppe?

Henni: Um Himmels Willen. Ich hoffe, das sieht sonst niemand so! Das muss ich wirklich von Herzen sagen: Für mich haben die Songs weder mit Heinz-Rudolf Kunze noch Klaus Lage irgendwas zu tun. Und dass ich optisch an Klaus Lage erinnere, da weiß ich gar nicht, was ich sagen soll - außer: Raus hier! Neulich fand jemand, das Album liege zwischen Purple Schulz und Ideal 2000. Damit kann ich ganz gut leben. Aber die Zielgruppe - keine Ahnung. Mal sehen, wer zu den Konzerten kommt.

Wie lange liegt Badesalz nun auf Eis?

Henni: Nicht lange. Gerade stehen die Verhand-
lungen für eine neue Comedy-Serie auf Sat.1 kurz vor dem Abschluss. Im Spätsommer wollen wir dann in einem Kinderfilm mit Armin Rohde in der Hauptrolle mitspielen: In den neuen Paul-Maar-Film "Herr Bello" wurden extra die beiden Polizisten reingeschrieben, die wir in Das Sams gespielt haben, weil die so gut angekommen sind. Außerdem hatte ich die Idee für ein Projekt, das wir gemeinsam mit dem WDR umsetzen werden. Ist aber noch geheim.

Badesalz hat schon deutsche Comedy gemacht, ehe es den Begriff hier gab. Nun bestimmen Komiker wie Maddin Schneider, Atze Schröder oder Rüdiger Hoffmann die Szene, die seit Jahren nur eine Figur spielen. Ist die deutsche Comedy nach dem Boom inhaltlich ausgebrannt?

Henni: Der Boom wurde schon vor Jahren tot-
gesagt. Trotzdem verkauft Mario Barth 160000 Live-
DVDs und lag in den CD-Charts - das gab es vorher noch nie - mit zwei Editionen der DVD auf Platz 8 und 9. Einige Stand-Ups sind heute zwar komplett überschätzt, weil ihre spielerische Bandbreite nur mäßig ist. Es gibt aber auch viele grandiose Leute, die nur nicht so oft im Fernsehen sind - jemand wie Hagen Rether ist in der Kleinkunstszene zum Beispiel sehr bekannt, aber wegen seiner bösen Nummern nicht so oft im Fernsehen.


fr-aktuell.de - Steven Geyer - 04.03.2006