| Du oder Sie? Gerd: Du! (Das Aufnahmegerät wird angeschaltet) Was ist das denn, ein Puppenhandy? Nein, ein Aufnahmegerät. Gerd, bist du als echter Frankfurter Bub auch hier auf der Schule gewesen? Gerd: Ja, als Kind war ich auf der Liebfrauenschule, dann auf der Musterschule, aber nur ein, zwei Jahre. Meine Karriere ging so schnell hoch wie wieder runter: Ich war so ein schlechter Schüler, dass ich nach meiner kurzen Gymnasialzeit wieder mit Applaus in der Hauptschule empfangen worden bin, nach dem Motto: Hast wohl geglaubt, du wärst was Besseres. Und wie ging’s weiter? Gerd: Ach, du willst so Laufbahn-Zeug wissen? Das ist mir jetzt zu viel privates Kuddelmuddel, ich kann ja stattdessen erzählen, wie ich Comedian geworden bin. Einverstanden, dein Beruf ist ja der Anlass für unser Gespräch. Gerd: Weil ich englische Verwandte habe, war mein Bezug zu Comedy immer schon groß, die Engländer sind humormäßig hundert Jahre weiter als wir. Monty Python und die ganzen Sachen, das hat mich begeistert. Mit Olaf Mill hatte ich von 1979 bis 1988 die hessische Band Flatsch, die Comedy und Rock- musik gemischt hat. Dann kam Henni dazu, wir haben uns im Wohnzimmer das erste Drei-Stunden-Programm ausgedacht, komplett durchgeknallt, und das jahre- lang so gespielt. Und wie habt ihr euch kennengelernt? Henni: Ich spielte damals schon bei den Rodgau Monotones und hatte so viel von Flatsch gehört, dass ich zum Konzert gegangen bin. Dass zwischen den Liedern richtige Sketche gespielt wurden, fand ich super. Nach einem gemeinsamen Auftritt im Volks- bildungsheim haben wir uns beim Geburtstag meines Schlagzeugers wiedergesehen. Ein emotionaler Abend, weil mich mittags meine Freundin verlassen hatte. Das heißt, ich war in der Stimmung, mich tierisch zu betrinken. Und dann kam Gerd. Und das war? Henni: 1946. (Alle beginnen zu lachen). In den Achtzigern. Ok, Spaß beiseite: Ihr seid schon lange im Geschäft. Wie schwer ist es eigentlich, so lange witzig zu bleiben? Gerd: Voraussetzung ist, dass man es auch ist. Wenn jemand engstirnig und ernsthaft ist – und es gibt superintelligente, wahnsinnig humorlose Menschen –, dann wird das nichts. Kinder haben übrigens erst mal auch kein Verständnis für Ironie, das fängt erst mit elf oder zehn an. Manche Erwachsene haben Humor nie gelernt, weil ihr Umfeld das gar nicht zulässt. Wenn du medizinisch-technischer Assistent bist und dich den ganzen Tag mit schwierigen Sachen beschäftigst, dann kannste abends in der Kneipe vielleicht nichts mit nem super Witzeerzähler anfangen. Wobei, es gibt auch lustige Ärzte, die sollten aber lieber nach Feier- abend lustig sein, besonders Chirurgen. Aber wenn die Grundvoraussetzung da ist, kannst du auch Humor- techniken trainieren, zum Beispiel Assoziationen miteinander verknüpfen oder aus den absurdesten Meldungen was machen. Aber viele Komiker sind auch einfach nicht lustig. Wie findet ihr etwa Mario Barth? Gerd: Der schafft es, für viele Leute kompatibel zu sein. Das hat seine Berechtigung wie einfache Literatur, die man mit an den Strand nimmt. Mir gefällt es nicht, aber viele lachen, weil sie das verstehen. Du kannst nicht nur intellektuellen Humor machen. Was sagt ihr zum Frankfurter Komiker Michael Quast? Henni: Der ist ein Unikum und bereitet sich immer akribisch auf seine Arbeit vor. Er hat sich selbst gegenüber die Ehre, es immer gut zu machen. Aber ein Mario Barth schafft es halt, 70.000 Leute in ein Stadion zu kriegen … Gerd: Aber das ist keine Begründung dafür, dass es gut ist! Henni: Nein, aber die Leute verstehen es. Hat sich die Comedy-Welt sehr verändert seit euren Anfängen? Henni: Ja. Als wir damals den Untertitel für "Och Joh" suchten, haben wir uns, beeinflusst durch englische Comedy, für "Och Joh – hessisch Comedy" entschieden. Damals kannte das kein Mensch, heute heißt alles Comedy. Was haltet ihr denn vom Nachwuchs? Henni: Schwierig. Ich gönne etwa dem RTL-Nach- wuchs-Comedystar Markus Krebs den Gewinn, aber ich kannte die Hälfte seiner Witze, da waren keine eigenen schrägen Gedanken drin, das war keine strukturierte Geschichte. Gerd: Ich finde, die Medien sollten auch mal Leute fördern, die eine eigene Note haben. Aber so wie in der Musik andauernd alte Lieder neu aufgenommen werden, ist das auch bei der Comedy, viele machen schon in dritter Generation andere nach. Es gibt Typen, die sprechen wie Atze Schröder, andere machen Ethno-Comedy, die es mit "Weißt du, Alder" schon in zehnfacher Ausführung gibt. Muss ein guter Comedian eine Geschichte erzählen oder reichen viele Witze hintereinander? Gerd: Jedenfalls ist es doof, vom einen zum nächsten zu springen wie in einem Witzlexikon. Und wie nah darf man einem guten Comedian privat kommen, wie oft werdet ihr zum Beispiel im Rewe angesprochen? Henni: Das kommt schon vor, aber die Leute sind nett zu uns. Viele gucken einen auch nur wissend an und suggerieren: Ich sag nichts in der Öffentlichkeit, aber ich weiß, wer du bist. Und egal wie alt wir sind, manche werden, wenn sie uns sehen, immer sagen: "Na ihr Buben." Da können wir hundert Jahre alt werden. fr-online.de - Grete Götze - 30.11.2011 |