| Das Telefon klingelt und vom anderen
Ende der Leitung klingt mir eine von CD's und Konzerten
so wohlbekannte Stimme entgegen. An diesem ansonsten recht tristen Tag, treff' ich
ihn nun endlich einmal persönlich: Henni Nachtsheim, die
eine Hälfte vom Comedy-Duo Badesalz! Der Termin ist
schnell gemacht und kaum eine halbe Stunde später
finden sich zwei Hesseköpp an einem Tisch, um über
Comedy, Musik und Verblödung im Allgemeinen zu
tratschen.
Henni, wie du weißt führe ich dieses Interview im Auftrag des Goethegymnasiums Neu-Isenburg... Henni: (andächtig) Ich erinner' mich... ...und du gehörst zu den glücklichen Exemplaren in der Geschichte der Menschheit, die diese Schule VON INNEN kennen lernen durften. Jetzt hast du auch mal die Gelegenheit, dich über diesen mit Sicherheit lebensweisenden Aspekt einmal durch und durch auszukotzen: Welches einschneidende Erlebnis ist dir nach wie vor in Erinnerung geblieben? Henni: Goetheschule?!? Ich kann mich wirklich sehr gut an viele Dinge erinnern: Ich bin zweimal sitzen geblieben, schon in der 6. oder 7. Klasse und hab dann auf der Buchenbusch-Schule die mittlere Reife gemacht. Danach bin ich auf 'ne Schule in Frankfurt, wo ich dann mit Ach und Krach mein Abi nachgemacht hab'... mit etwas Verspätung halt. Ich hab' aber keine besonders negativen Erinnerungen an die Goetheschule. Ich bin da eigentlich recht gern hingegangen. Keine Ahnung wie's heute ist... Henni entdeckt das verschmitzte Lächeln auf meinem Gesicht, welches ich nur spärlich zu verstecken im Stande bin. Nach einem beidseitigen Lachanfall setzt er fort. Henni: Oh Gott! Also, ich hatte einen super Englischlehrer
mit dem Namen Califize, der ist bestimmt seit Ewigkeiten
nicht mehr da. Mein einschneidenstes Erlebnis mit ihm: Wir
hatten einen Disput, den wir durch Reden nicht aus der
Welt schaffen konnten. Ich hab' ihm dann aus Spaß
angeboten: "Lass es uns im Ring austragen." Er sagte:
"Okay, machen wir das!" Ich hab nie damit gerechnet,
dass der es ernst meint. Am nächsten Morgen haben wir
aus Schultischen einen Ring gebaut, er zog sein Hemd
aus und wir haben uns über vier oder fünf Runden richtig
mit Handschuhen geboxt. Ich fand das klasse, dass ein
Lehrer so was wirklich mal umsetzt. Ich hab ihn dafür
ver- Vielleicht sollte ich meiner Deutschlehrerin mal den gleichen Vorschlag machen. Also, entweder weiß ich doch nicht soviel über euch wie ich gerne behaupte (ahem) oder es fehlt mir einfach an Phantasie... Wie kam der Name "Badesalz" zustande? Henni: Die Entstehungsgeschichte ist so was von banal, dass wir uns schon Tausende von Varianten ausgedacht haben, einfach um die Leute zu unterhalten. Es war einfach so, dass wir kurz vor unserem ersten Auftritt im Sinnkasten standen und der Besitzer anrief: "Ich muss das Programmheft bis heut Abend fertig haben, ihr habt mir aber immer noch nicht gesagt, wie ihr eigentlich heißt." Wir wollten uns eigentlich "Affezerkuss" nennen. Doch dann haben wir uns gesagt: "Das macht's den Kritikern vielleicht doch ne Spur zu leicht...". Wir hielten aber gerade eine Badesalz-Tablette in der Hand, die als der gesuchte Gegenstand eine Rolle am Ende unseres Programms "Super-Dong-Dong" spielen sollte. Also nannten wir uns ab diesem Moment Badesalz-Theater. "Theater" haben wir dann später rausgenommen und uns nur noch Badesalz genannt, weil wir ja auch Filme und anderes machen. Über eure Entstehung bestehen ebenfalls die wildesten Gerüchte. Auch solche, die ihr selbst in die Welt gesetzt habt. Auf die Gefahr hin, dass auch ich jetzt wieder nur durch und durch verarscht werde... Wie ist Badesalz entstanden? Henni: Nein, du wirst nicht verarscht. Es sei denn, du
willst es! Neulich stellte eine Moderatorin genau die
gleiche Frage und de Gerd antwortete: "Naja, was wollen
Sie denn jetzt hören. 'Ne Erfundene oder die Echte?"
"Och eigentlich 'ne Erfundene.". Die hat sie dann auch
bekommen...! Aber um deinem journalistischen Anspruch
gerecht werden: Damals, als Gerd noch bei Flatsch!
spielte und ich eben bei den Monotones, da traf man sich
ab und an bei gemeinsamen Konzerten. Unser Schlagzeuger feierte eines Abends nach einem Auftritt seinen
Geburtstag und Flatsch! kam dann eben auch noch da hin.
Gerd und ich saßen den ganzen Abend zusammen und
hatten von Anfang an eine große Sympathie füreinander.
Wir haben tierisch rumgeblödelt und auch uneinheimlich
viel getrunken - ich hatte ausgerechnet an diesem Abend
Liebeskummer. Solche Abende werden dann immer so
unheimlich exzessiv! Wir haben viele Leute zum Lachen
gebracht und ich fragte Gerd dann: "Komm lass uns doch
mal zusammensetzen und was machen." Gerd wollte
schon immer etwas klein- Würdest du sagen, dass sich deine Beziehung zu Gerd in den letzten Jahren verändert hat? Henni: Klar, auf jeden Fall. Ich kenn ihn ja jetzt bald 20 Jahre. Mindestens die Hälfte des Jahres verbringen wir miteinander. Wenn man daran denkt, dass wir beinahe jeden Tag telefonieren, dann ist das der Mensch, mit dem ich in den letzten 20 Jahren am meisten zu tun hatte. Er ist mein allerbester Freund - mit allem was dazu gehört. Dennoch ist es nicht als kämen irgendwelche Abnutzungs-erscheinungen auf. Es ist eher so, dass man immer noch was Anderes entdeckt und wir beide immer ein großes Interesse daran haben, dass es vorwärts geht. Wir haben oft schon gesagt: Wir können uns sogar vorstellen als 80jährige Opas noch auf der Bühne zu stehen und dann etwas zu machen, was uns dann als alten Säcken und unserem Gesundheitsgrad entspricht... Ich weiß du bist blond. (Sehe ich ja grad' selbst) Es heißt, de Knebel wäre auch blond. Stimmt das? Henni: Ja, aber man sieht's net... Wie es scheint, braucht jegliche Frankfurter Gruppierung einen oder mehrere haarlose Köppe in ihrer Truppe, sonst kommt sie nicht zu Erfolg. Womit wir auch gerade beim Thema angelangt wären: Moses P., Boehse Onkelz, Mundstuhl... Seht ihr trotz aller offensichtlichen Unterschiede auch Gemeinsamkeiten zwischen euch und anderen Frankfurter Gruppierungen? Henni: Ich glaube nicht, dass es in Frankfurt 'ne große, enge Szene gibt. Zu Zeiten von den Monotones gab es noch mit Flatsch!, Crackers, Hob Goblin usw. Bands, die tatsächlich 'ne Szene gebildet haben, die noch irgendwas miteinander zu tun hatte. Ich kann nicht sagen, dass ich zu irgendeinem Frankfurter Act 'ne große Beziehung habe. Also, das einzige Bindeglied ist Ali Neander - der Gitarrist von den Monotones - der viel für 3p gearbeitet hat, also Sabrina, Xavier, Moses und ganz wichtig: Glashaus. Ab und an treffen wir uns auch mal alle zusammen. Mundstuhl und Badesalz sind dem hingegen mit Sicherheit Konkurrenten. Beides sind Duos und man kann sich streiten wer die Fälschung und wer das Orginal ist... Ihr würdet im Bezug auf Mundstuhl also schon von einem ausgeprägten Konkurrenz-denken ausgehen? Henni: Also, als Mundstuhl erschien, da haben sie's auch drauf angelegt, mit uns verglichen zu werden. Das können sie auch gar nicht leugnen. Auf einmal hatte einer 'ne Glatze und es gab Fotos von denen (wir hatten zwei Jahre zuvor Fotos auf Malta gemacht) da musste ich zweimal hinschauen, um zu merken, dass wir das nicht sind. Es war wie eine Kampfansage. Ab sofort wurden uns Mundstuhl in der eigenen Plattenfirma vorgesetzt... ...Nach dem Motto: Werdet erst mal so wie die!... Henni: Naja, eigentlich waren wir bei Sony unheim- Kein offener Konflikt? Henni: Ich weiß von ein paar Situationen aus ihrer Anfangszeit, wo sie ein bisschen Oberwasser gehabt haben und auf einigen Konzerten über uns abgelästert haben. Bei den "hessischen" Sachen haben sie sich auch gut bei uns bedient, aber irgendwann kommt der Punkt, wo es einem einfach egal ist. Ich denke, dass ich ganz gut weiß, wo wir stehen... das reicht mir persönlich! Mir schien es so, als seien die Frankfurter für ihren uneingeschränkten Willen zur Anprangerung irgendwelcher Missstände bekannt: Der Konflikt zwischen Moses P. und Stefan Raab, Boehse Onkelz: "Keine Amnestie für MTV" und Mundstuhl, die eben auch kein Blatt vor den Mund nehmen. Badesalz macht da meines Erachtens keinen Unterschied... Henni: Stimmt, hier geht's schon oft zur Sache, sehr gut beobachtet! Ich denke das ist einfach 'ne Mentalitätsgeschichte. Obwohl es bestimmt auch Gruppen außerhalb Frankfurts gibt, die auch "nach vorne gehen". Doch die Theorie über die Frankfurter, oder eben Hessen, kann man schon bekräftigen. Bei den Monotones warst du von 1977 bis 1990 als Saxophonist. Vermisst du manchmal die damaligen Zeiten? Henni: Saxophonist, vor allem aber 2ter Sänger. Wenn man das gerne macht, dann ist es auch geil, das mit einer Band und so dermaßen guten Musikern, wie bei den Monotones zu machen. Ich vermisse generell Musik. Gerd fängt ja nicht zuletzt deshalb jetzt wieder an, ein eigenes Musikprojekt auf die Beine zu stellen. Wir merken immer und immer wieder, das uns diese unheimlich schöne Art, sich auszudrücken, unheimlich wichtig ist. Aber mein Leben mit den Monotones fehlt mir nicht. Nach 13 Jahren, da war es mir im wahrsten Sinne des Wortes zu monoton. Nicht, was die Band angeht, aber es gab keine Möglichkeiten mal die Form zu ändern. Alle 1 1/2 Jahre eine neue CD und dazu 'ne Tour, die immer ähnlich von sich ging wie die davor. Es gab meines Erachtens nicht genug Abwechslung. Ich mein', wenn ich an Badesalz denke: Wir haben 7 CD's rausgebracht, 6 verschiedene Bühnenprogramme, vergangene und aktuelle extrem spannende Filmprojekte am laufen... man ist immer noch gespannt, wer im nächsten Morgen anruft und vielleicht etwas von einem will. Musik spielt aber dennoch eine große Rolle. Habt ihr bezüglich eurer Arbeit musikalische Vorlieben? Henni: Nee, kann ich so eigentlich nicht sagen. Wir haben
unheimlich viele Musikrichtungen persi- Da kannste mal sehen... Übrigens: Gäb's die Möglichkeit, dass ihr eure auf der 98er Tour gezeigte Coverversion von Nirvanas "smells like teen spirit" mal auf Platte bringt? Henni: Also, ich glaube die Verlagsrechte kriegen wir. Das war's Mädsche aus Hanau? ...Ja, genau... helau, helau... Henni: Kann ja sein, dass, wenn wir mal wieder 'ne reine Musikplatte machen, vielleicht auch 'n paar witzige Coverversionen drauf machen. Da wär' des auf jeden Fall schon mal 'n Kandidat. Ich hab Gerd schon mal bei einer anderen Gelegen- Henni: Stimmt, unser Projekt namens: "The Hotz". Da
haben wir vor drei Jahren 'ne englischsprachige Platte mit
12 eigens komponierten Rock-Popsongs mit sehr
eigenwilligen Texten versehen aufge- Wie kam es zur Veröffentlichung eurer ersten Platte "Nicht ohne meinen Pappa"? Henni: Ich muss dich leider korrigieren... Hä? Henni: Die erste Veröffentlichung war "Och Joh". Och joh, ehrlich? Henni: Ja, ich mein, bei so vielen Platten kann das schon mal passieren. Die letzte deutsche Schallsprachplattenveröf- Henni: Nein, also man muss ehrlichkeitshalber sagen, es
ging doch ein bisschen anders ab. Wir haben live gespielt
und irgendwann hat unser damaliger Manager die Chefetage von Sonymusic angeschleift. Jetzt saßen die da alle
im Publikum. Da kam der Chef zu uns und sagte:
"Ich möchte gern, dass ihr bei uns 'n Plattenvertrag
unter- Wie hätte deine berufliche Perspektive ansonsten ausgesehen? Henni: Ich wär' sicherlich Sportjournalist geworden.
Außerdem haben wir ja des Notabitur, des gab's damals
für fünf Mark am Kiosk! Das ist in einem Glaskasten, und
wenn man das Abi dringend braucht, schlägt man das
Glas ein und nimmt's raus... Ziemlich praktisch, vor allem
wenn sonst nix mehr geht. Ansonsten wär ich auch gerne
Rechts- Passt doch... Wenn man in eure weitere Biographie
schaut, so fällt auf, dass ihr euch im Laufe eurer Karriere
besonders auch durch provokante Neu- Henni: Naja, überleg mal: "Der Schuh des Manitu" 12 Jahre später. Ich hab unseren Sketch mal dem Christian von der Bullyparade vorgespielt. Der kannte das nicht und wusste folglich auch nicht, dass ich auch schon Ranger Old Shatterhand war. Ob es der Bully als Autor auch nicht kannte, sei mal dahingestellt... aber ich hab dich unterbrochen... ...ja, war diese Art der Komik für euch ein Muss oder ergab sich das als Nebenprodukt eures puren Willens gute Comedy zu machen? Henni: Ähem, also mit Winni und Shatty, des war mir gar
net so bewusst, dass des so provokant war. Aber man
kann sagen, dass manche Dinge so 'ne Eigendynamik
bekommen. Beispielsweise unser Sketch über Anthony
Sabini, die Yeboah- Welche Rolle erfüllt Comedy eurer Meinung nach allgemein im Bild unserer heutigen Gesellschaft? Oder erfüllt sie vielleicht über ihren Bestand als puren Klamauk keinen weiteren Zweck mehr? Henni: Doch! Die Leute wollen immer lachen, egal in
welcher Situation. In jeder Phase dieser Geschichte. Das
geht zurück bin in die biblische Zeiten. Das wird auch
immer so bleiben. Lachen hat vor dem Hintergrund der
jeweiligen Zustände auch immer eine politische
Bedeutung. Gut, es gibt genug Leute, die im Moment viel
Schrott ver- Aber allgemein kann man schon sagen, dass Comedy durchaus auch eine politische Bedeutung hat. Würdet ihr euch vielleicht sogar als politisch betrachten? Henni: Also wir sind ja kein Kabarett. Wir machen keine
Witze über Schröder und Co. Aber es gibt nicht wenige
(zB. Mathias Beltz, unser verstorbener Freund und
Kollege) die sagen wir würden immer den schmalen Pfad
zwischen Kabarett und Comedy gehen, eben weil wir auch
vielen reaktionären Typen und Arschlöchern genau aufs
Maul schauen. Die spielen in unserer Gesellschaft ja auch
'ne beson- Mathias Beltz... gleich auf der ersten Seite eures '93 erschienen Sammelwerkes "Badesalz - Vaz daz den?" fand ich im Bezug auf Sinn und Absicht der Gruppe Badesalz in einer Art Präambel von ihm folgenden Satz: "Badesalz hat aber auch... die Botschaft des Mitleids mit den kleinen Deppen, den Arschlöchern und Knallkoppen dieser Welt..." Der Begriff "Mitleid" kann in diesem Kontext doch nur als Ironie aufgefasst werden, oder täusch' ich mich da? Ich hab manchmal so den Eindruck gehabt: Badesalz ist eine einzige Abrechnung mit gewissen Leuten. Wie du schon sagst: Den "reaktionären Arschlöchern" aufs Maul schauen und ihnen gerad' das zurückgeben, was sie verdienen. In eurer Form natürlich. Wo herkömmliche Gerichte versagen, da richtet die Satire, das Theater etc... Henni: Mathias war schon immer ein Meister des Wortspiels und es stimmt natürlich: Das Wort "Mitleid" ist
schon eher ironisch gemeint. Trotzdem ist es nicht ganz
falsch, was Mathias hier sagt. Es gibt Figuren über die
man lacht, die einen aber gleichzeitig rühren. Es ist ja
nicht so, dass alle auf unserer Platte vorkommende
Figuren schlecht weg kommen. Selbst Richie und
Headbanger sind in ihrer Blödheit doch irgendwie Figuren,
die wir gemocht haben. Wir haben die ja sogar über die
Jahre hinweg 'ne Familie kriegen lassen. Head- Also man kann da schon so ein Mischgefühl entwickeln. Wo wir gerade dabei sind. Gibt's Richie und Headbanger eigentlich auch im Original? Henni: Also ich glaub schon, dass es die irgendwo im Original gibt, wenn auch nicht mit genau diesen beiden Namen... Ich schätze mal, sie leben irgendwo in Sossenheim oder im tiefen Odenwald! Wir hatten übrigens schon immer unheimlich mit Rockern zu tun gehabt... allein schon über die Monotones und Flatsch!... Irgendwann hast du sie alle gesehen: Die Dicken mit ihren Kutten und die kleinen Dünnen auf ihren Mopedsches: "Hier, Vorsischt hier, isch hau dir uff die Fress, Alder...", dabei siehst du schon: bei einem Puster fliegt er vom Motorrad. Irgendwann war klar, dass wir zwei derartige Figuren unbedingt 'erschaffen' müssen. Und auch klar war: Gerd spricht den Headbanger, den Kräftigen also, der dann auch noch die dicke Anita dabei hat und ich halt den anderen, der eher etwas schmächtiger ist, dafür aber ne große Fresse hat... Um noch mal zur Provokation zu kommen. Das scheint
eine enorm wichtige Komponente ins- Henni: ...wie man gerade erst wieder bei der Goldenen Kamera-Verleihung gesehen hat... ...ja, aber wie weit darf man eurer Meinung nach gehen? Wo liegen die Grenzen? Henni: Ich leg die nicht fest, jedenfalls nicht für andere,
nur für uns selbst. Ich finde aber, dass beispielsweise
Ingo Appelt und auch andere es sich manchmal sehr
einfach machen... also, wenn man sich nur drüber lustig
macht, dass jemand alt ist (was ja nachweislich jeden von
uns ereilt) und man seine Falten bekommt. Oder wenn ich
an die reaktionären Witze denke, die lange Zeit über die
Kellyfamily gemacht wurden, nur weil sie lange Haare
haben. Ich erinner' mich noch gut, dass mein Bruder, nur
weil er lange Haare hatte, von Bauarbeitern auf offener
Straße verprügelt wurde. Ich mein, du hast ja auch längere
Haare. Heute ist das ja kein Thema mehr. Damals in den
70er, 80er Jahren war es schwer, auch für mich mit
meinen langen Haaren. Ich erzähl des deshalb, eben weil
ich die ganzen Witze über die Kellyfamily, die sich nicht
wäscht, irgendwann nicht mehr hören konnte, egal wer sie
gemacht hat. Wir mögen es einfach nicht. Ich fand
Ingo Appelts Bemerkung Richtung Uschi Glas (Anm. d. R.
gemeint sind die kürzlich erschienen Bikinifotos) bei dieser
Verleihung ganz daneben.... jemandem, der in letzter Zeit
ohnehin schon genug auf die Fresse gekriegt hat, noch
mal in der Öffentlichkeit live vorzuführen... ich fand's blöd
und auch nicht besonders mutig. Ich mein, ich kenn den
Ingo Appelt, ja... wir kommen gut klar miteinander, aber
das war trotzdem doof. Oder Dennoch schaffen sie es mit dieser Art der Comedy Erfolg zu schlagen?! Henni: Ja, aber nicht bei allen. Ich kenn auch Leute, die
des grottenschlecht finden, das durchschauen und sagen:
"Es ist mir zu billig, auf jemandem draufzuhauen, der es
ohnehin nicht leicht hat." Es ist halt viel schwieriger sich
mit anspruchsvollen Gegnern auseinanderzusetzen und
interessante Gedankensweisen und Zusammen- Ist für eine derartige Abrechnung mit seiner Umwelt, wie ihr sie meines Erachtens zelebriert, nicht ein gewisses Maß an Nihilismus notwendig? Naja, der Gedanke tat sich auf, als ich euch mal in einem Interview gesehen habe. Ihr kamt mir n bisschen... ja sozusagen angepisst vor... Es war jetzt keine Situation, in der ich persönliche gesagt hätte: "Man, die Moderatorin geht mir ja so was von auf den Sender." Mir schien es, als wolltet ihr durch eure ganze Haltung, Mimik, etc. ausdrücken, dass die da vor euch doch eh nicht begreift, was wirklich hinter Badesalz steckt. Daher der Gedanke an "Nihilismus"... Henni: Wenn du Nihilist bist, dann ist es natürlich
gefährlich, Comedy zu machen. Ich bin das Gegen- Was Anderes: Ich hab Zeitungsausschnitte über einen unangenehmen Vorfall, der nun schon zehn Jahre zurückliegen dürfte, gefunden. Es ging irgendwie um einen Gig, der von irgendeinem Individuum angekündigt wurde, von euch aber niemals geplant war... Henni: ...Eine legendäre Geschichte... Erzähl' mal, was ist den damals passiert? Henni: Also, das war so. Ich war gerade am Kofferpacken,
weil Gerd und ich am nächsten Tag einen Auftritt in
München hätten. Da rief 'n Typ an und fragte: "Ja, könnt ihr euch vorstellen in Diez bei Limburg
zu spielen?"
Was ist bei rausgekommen? Henni: Tja, wir haben ihn ja in dem von dir vorhin genannten Buch noch mal aufs Korn genommen. Dafür wollt er uns dann noch verklagen... is aber natürlich nix bei rausgekommen. Da fällt mir nix mehr ein... klasse! Ja, mal angenommen, Du sagst eines Tages: "Ich hab die Schnauze voll! Ich hab kein Bock mehr!..." Henni: Ich denke mir, dass ich schon als, sagen wir mal: "freischaffender Künstler" weiterarbeiten möchte, weil ich das nicht aushalten könnte, auf einmal in 'nem Büro zu sitzen. Ich glaub auch nicht, dass sich das auf einmal einstellen würde. Wir schreiben ja nebenbei auch noch viel für uns. Und ich kann mir vorstellen, dass ich das in Zukunft auch für andere tue. Wenn man die Birne wach hält und nicht zu altmodisch denkt, dann kann man auch für jüngere schreiben. Das könnt ich mir vorstellen. Also andere Künstler featuren. Ich muss auch nicht immer auf der Bühne stehen! Wenn man sich allerdings 'ne adequate Form bewahrt in der man sich wohlfühlt dann kann man das auch lange machen. Es gibt kein Verfallsdatum für Komiker. Otto zB., der macht jetzt auch die Jahrhunderthalle im Mai dreimal voll! Obwohl man bei euch noch sagen könnte, dass ihr euch entwickelt habt! Henni: Ja stimmt, das ist bei ihm nicht so sehr ...ähem...
ausgeprägt. Aber die Leute lieben ihn trotzdem und das ist
auch eine gute Eigenschaft der Deutschen. Das darf man
gar nicht so unter- Anderes Thema: Ihr sagt im Oktober geht's wieder auf Tour... mit neuer Scheibe? Henni: Also die neue Platte haben wir gerade aufgenommen. Wir sind ja gerade erst aus'm Studio wiedergekommen. Die muss jetzt halt noch gemischt und geschnitten werden. Das ist die erste zusammenhängende Scheibe von Badesalz, also man kann auch die Tracks einzeln hören, es hat aber alles miteinander zu tun. Es ist 'ne Art Science-Fiction-Märchen. Wir wollten nach sieben Platten auch da mal 'ne Veränderung haben. Die Platte wird auch das neue Bühnenprogramm, was ja bei uns bislang nie so war. So, wie es aussieht, werden wir speziell dieses Programm mit zwei guten Freunden auf die Bühne bringen, so eine Art "Badesalz und Freunde"- Projekt. Hatten wir in der Form auch noch nie! Ich bin bis zu meinem heutigen Tag zweimal in die
genüssliche Situation gekommen euch live zu sehen.
Was
war dein bisher schönstes Tour- Henni: Da gab es zu viele Momente, die irgendwas hatten,
sodass man das gar nicht so sagen kann! Des mischt
sich so. Aber...als wir vor ein paar Jahren mit dem
vorletzten Bühnenprogramm in der Jahrhundert- Gab's auf der Bühne auch schon mal Situationen in denen du am liebsten im Boden versunken wärst? Henni: Naja, es gibt ja auch Abende an denen du denkst: Du bist hier völlig fehl am Platze! Peinlich war uns dem hingegen 'ne Aktion, die liegt schon ewig zurück... hm, da warst du noch klein... Sagt dir die Barschelaffäre noch was? Sicher... Henni: Wir haben an einem Abend in Wiesbaden gespielt und hatten zum
Ende des Programms hin einen Part drin, an dem de Gerd
ein Telefon- Oh Mann! Thema Frau Batz: Woher zieht ihr eigentlich eure Inspiration. Ich beispielsweise brauch mich nur in die Kneipe zu hocken, im HL an die Kasse zu stellen und den alten Damen beim Einkaufsgespräch zuzuhören... das langt mir. Schon hätte ich 'ne Platte zusammen. Geschieht das bei euch in ähnlicher Art und Weise? Henni: Gibt's auch. Es klingt zwar alles so, als hätten wir
den Leuten aufs Maul geschaut, aber ich kann nicht
sagen, dass das immer die Inspiration war. Wir haben jetzt
allein für die CDs schon weit über 300 Dinger geschrieben
und aufgenommen... da geht's einfach nicht, dass du dich
immer in die Kneipe hockst und den Leuten zuhörst. So
ergiebig ist das dann doch auch nicht immer. Aber
manchmal hast du auch Glück und dir passiert irgendwas
Merkwürdiges... Ich erzähl dir noch schnell eine
Geschichte, die ich ehrlich erst vor ein paar Tagen erlebt
habe, ohne Quatsch! Ich wollte bei SAT.1 in Berlin anrufen,
um mit jemandem wegen unserer Vertragsrechte bezüglich
unserer Fernsehserie zu reden. Also, ich rief an und hab
mich verbinden lassen. Da hatte ich einen Mann dran und
ich hab dann einfach mal angefangen zu erzählen:
"Ja, ich bin der Henni Nachtsheim von Badesalz, ich rufe
an... und wir wollen... etc."
Er antwortete nur mit: "Ja, ja, klar, ick versteh', ick versteh'
schon..."
Ich hab fünf Minuten am Stück geredet. Zuletzt bat ich ihn,
mir den Vertrag zuzufaxen.
Er antwortete: Geschichten die das Leben schreibt. Letzte Frage am Schluss: Wer übernimmt das Badesalz-Erbe? Deine Töchter? Henni: Wenn, dann mein Sohn. Er ist 'n guter Komiker, jetzt schon. Er hat wirklich gute Ansätze. Das könnt ich mir also zumindest vorstellen, aber ob das dann wirklich so kommt... Ich weiß nicht... Vielleicht übernehmen wir auch selbst unser Erbe, indem wir die Sache einfach noch sehr lange durchziehen. Aber möglicherweise muss es dann auch irgendwann mal abgeschlossen sein. Wir haben bis jetzt schon so viele Leute inspiriert mit unserer Art. Das ist ja auch schon mal was. Ich hab mir da noch nicht so viel Gedanken gemacht... Es ist einfach noch zu früh. Henni, danke für das gute Gespräch! Henni: Nix zu danken!kurzschluss-goethe.de - Jan Feser - 30.03.2004 |